Mehr als nur ein Neustart: Warum 20 Jahre in der Industrie heute mein wertvollstes Werkzeug als Fotograf sind
Vor Kurzem erschien ein Artikel über mich in der NRZ. Die Überschrift: „Olaf Spöllmink wagte mit 55 Jahren den Neuanfang“. Das hat mich nachdenklich gemacht. Denn obwohl die Fakten stimmen, erzählt die Überschrift nur die halbe Wahrheit. Es fühlt sich für mich nicht wie ein harter Schnitt an, bei dem ich ein Leben hinter mir gelassen habe, um ein völlig neues zu beginnen. Es ist vielmehr eine Fortsetzung. Eine, bei der ich den vielleicht wertvollsten Teil meines beruflichen Rucksacks ausgepackt habe, um etwas Neues, Sinnstiftendes zu schaffen.
Viele Menschen in meinem Alter denken über die verbleibenden Jahre bis zur Rente nach. Ich stand an genau demselben Punkt. Nach fast 20 Jahren bei Flender, zuletzt als Führungskraft, war der Weg vorgezeichnet. Doch in mir wuchs eine Frage, die immer lauter wurde: „Soll es das wirklich gewesen sein?“ Ich möchte Ihnen hier meine ganz persönliche Geschichte erzählen. Nicht nur, um andere zu ermutigen, sondern um zu zeigen, warum ein Betriebsschlosser aus Dinslaken, der zum Techniker und später zur Führungskraft wurde, heute vielleicht genau der richtige Fotograf für Ihr Unternehmen ist.
Wo ich herkomme: Zwischen Förderturm und Stahlwerk
Wer im Ruhrgebiet meiner Generation aufgewachsen ist, kennt die einfachen Gewissheiten. „Für uns gab es damals nur Thyssen oder Schacht“, sage ich oft, und das ist keine Übertreibung. Die Berufswahl war weniger eine Frage der Leidenschaft als der Verfügbarkeit. Man war froh, wenn der Vater einem einen Ausbildungsplatz im eigenen Betrieb besorgen konnte. Mein Weg begann also bei Thyssen Bausysteme als Betriebsschlosser. Solide, sicher, greifbar.
Doch schon kurz nach der Ausbildung spürte ich, dass da noch mehr sein muss. Ich wollte nicht die nächsten 40 Jahre dieselben Handgriffe tun. Also setzte ich mich abends hin und machte meinen Techniker. Das war mein erster bewusster Schritt zur Veränderung, angetrieben von dem Wunsch, mehr zu verstehen und mehr zu gestalten. Diese Entscheidung führte mich schließlich 2005 zu Flender, wo ich in der Qualitätssicherung anfing. Während meiner Arbeit dort bekam ich das Angebot, als Meister in der Montage eine Führungsposition zu übernehmen. Eine Chance, die man nicht ausschlägt. Fast zwei Jahrzehnte habe ich dort mit Leidenschaft gearbeitet, Teams geführt und Prozesse optimiert. Ich war angekommen.
Der Wendepunkt mit 55: Eine Frage der Perspektive
Und dann kam diese Zeit Mitte 50. Eine Zeit, in der man Bilanzen zieht. Ich blickte auf eine erfolgreiche Karriere zurück, aber der Blick nach vorn fühlte sich … endlich an. Noch 12 oder 13 Jahre bis zur Rente. Der Gedanke daran fühlte sich nicht befreiend, sondern einengend an. Die Wirtschaft wandelte sich, die Welt wurde digitaler, und ich spürte eine Energie in mir, die nicht mehr zu den festen Strukturen meines Alltags passte.
Es war keine Krise, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme. Ich habe mich nicht gefragt, wovon ich wegwill, sondern wohin ich will. Und die Antwort darauf trug ich schon lange mit mir herum: die Fotografie. Was als Hobby begann, ausgelöst durch den PR-Chef und passionierten Fotografen im Freundeskreis und später durch meinen Hund, der mich zu unzähligen Touren durch die Natur zwang, wurde zu einer echten Leidenschaft. Zuerst waren es Landschaften, dann immer mehr Menschen. Und irgendwann kam der entscheidende Gedanke: Was, wenn ich meine beiden Welten verbinde?
Meine Superkraft: Warum ich die Sprache Ihrer Mitarbeiter spreche
Heute, als selbstständiger Businessfotograf, profitiere ich jeden einzelnen Tag von meiner Vergangenheit. Wenn ich eine Werkshalle, eine Baustelle oder ein Produktionsgelände betrete, sehe ich nicht nur eine interessante Kulisse. Ich sehe die Abläufe. Ich erkenne die Handgriffe, verstehe die Funktion der Maschinen und weiß um den Stolz, der in einem präzise gefertigten Werkstück liegt. Ich muss mir nicht erklären lassen, was eine Qualitätssicherung macht oder welcher Druck auf einer Führungskraft lastet.
Der wichtigste Vorteil ist aber: Ich spreche die Sprache der Menschen vor Ort. Ich kann mit dem Meister an der CNC-Maschine genauso auf Augenhöhe reden wie mit dem Geschäftsführer. Diese Verbindung schafft Vertrauen. Ein Mitarbeiter, der spürt, dass der Fotograf seine Arbeit versteht und respektiert, verhält sich vor der Kamera anders. Er ist nicht nur ein Motiv, er ist ein Mensch, ein Experte auf seinem Gebiet. Und genau das ist es, was ich einfangen möchte: keine gestellten Posen, sondern authentische Momente, die Kompetenz und Leidenschaft ausstrahlen.
Ich muss niemanden bitten, „einfach mal so zu tun als ob“. Wir finden gemeinsam die Bilder, die die Realität Ihres Unternehmens ehrlich und professionell zeigen. Das ist kein Zufall, das ist das Ergebnis von 20 Jahren Industrieerfahrung, die in jedes einzelne Foto einfließt.
Es ist nie zu spät, die Weichen neu zu stellen
Mein Weg soll zeigen, was möglich ist, wenn man bereit ist, die eigene Komfortzone zu verlassen. Er soll zeigen, dass Erfahrung niemals verloren ist. Sie ist die Grundlage, auf der wir Neues aufbauen können. Der Strukturwandel im Ruhrgebiet ist nichts Abstraktes – er findet in jedem von uns statt. In den alten Zechen und Werkshallen entstehen heute Kreativquartiere und Technologiezentren. Und in den Menschen, die von dieser Industrie geprägt wurden, steckt das Potenzial, diese neue Welt mitzugestalten.
Den Schritt in die Selbstständigkeit habe ich keine Sekunde bereut. Die Möglichkeit, so viele spannende Unternehmen von innen zu sehen und ihre Geschichten in Bildern zu erzählen, ist ein unschätzbares Privileg. Wenn Sie also das nächste Mal über Businessfotos nachdenken, fragen Sie sich nicht nur, wer eine gute Kamera hat. Fragen Sie sich, wer Ihr Unternehmen wirklich versteht. Vielleicht ist es ja ein ehemaliger Betriebsschlosser aus Dinslaken.

Über den Autor
Ich bin Olaf Spöllmink, Businessfotograf für das Ruhrgebiet und den Niederrhein. Mit 20 Jahren Erfahrung in Industrie und Mittelstand entwickle ich Bildkonzepte, die Unternehmen, Mitarbeiter und Prozesse professionell sichtbar machen.
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